Tun im Nichtstun

Tun im Nichtstun

Zu Jahresbeginn legen die meisten von uns Vorsätze fest, schmieden Pläne, schreiben Wünsche nieder und stecken uns Ziele. Dabei wäre es allerdings wichtig, auch ans Nichtstun zu denken… Warum?

Grundsätzlich bin ich jemand, der sich sehr gut selbst motivieren kann. Freude am Tun und am Ergebnis sind meine Treiber und meist mit von der Partie, wenn ich arbeite. Von KollegInnen und KlientInnen höre ich oft, dass sie mich um diese Fähigkeit beneiden. Ja, und ich muss sagen, ich bin auch recht froh darüber. Aber selbst das beste Talent hat auch seine Schattenseiten.

In meinem durchaus motivierten Tun kann es nämlich passieren, dass ich zu vieles, oder alles, was auf der To Do-Liste steht, als wichtig erachte. Und dann wird es schnell mal zu viel. Dies und das, hier du dort, dieses und jenes. Trotz Motivation und Freude an der Arbeit. Denn auch mein Tag hat nur 24 Stunden. Ja, wirklich! 😉 Multitasking war die letzten Jahrzehnte eine viel gelobte Eigenschaft. Gottseidank kommen immer mehr Menschen drauf, dass Multitasking dauerhaft negativen Stress verursacht und mit Effizienz und guten Ergebnissen wenig zu tun hat. Natürlich kann es phasenweise Spaß machen, viele Bälle gleichzeitig in der Luft zu haben. Danach braucht es aber auch wieder eine Phase der Ruhe. Und viele von uns finden es herausfordernd sich diese dann zu gönnen. In der Ruhe, im vermeintlichen Nichtstun entsteht allerdings ganz viel, auch, wenn man glaubt, gerade nichts zu tun.

Seit ich erwachsen bin kenne ich die Herausforderung, alles, was ich tun will und alle Menschen, für die ich Zeit haben will, unter einen Hut zu bringen. Es gibt Zeiten da gelingt es gut und Zeiten, da habe ich das Gefühl, ich hinke allem hinterher… Die Zeiten, wo es gut funktioniert, haben gemeinsam, dass ich mir den Druck nehme, alles schaffen zu müssen. Dann entsteht so etwas wie ein Flow-Zustand.

Zeit wird mehr, wenn man sie teilt.
Was ich in diesen Zeiten des Hinterherhinkens gelernt habe ist, dass es dann am besten ist, gar nichts zu tun. Nichts. Also nichts von dem, was zu tun wäre. Es dreht sich also nicht darum, tatenlos herumzusitzen, sondern den Druck aus dem, was zu tun ist herauszunehmen. Stattdessen ein gutes Buch zu lesen, ein Powernapping einzulegen, spazieren zu gehen, mit dem Partner auf einen Kaffee zu gehen, mit Freunden zu telefonieren oder einfach nur dazusitzen und in sich hinein zu spüren. Und dann den (meist selbsterzeugten) Druck abfließen zu lassen. Sich Ruhe zu gönnen. Um dann wieder fokussiert an die Dinge gehen zu können.

Interessanterweise hat sich in den letzten Jahren immer wieder bestätigt, dass, wenn ich untätig/ unproduktiv bin, zwar zuerst das schlechte Gewissen größer wird, sich aber die Dinge danach entweder von selbst erledigen oder sich rascher erledigen lassen. Und: klarer wird, was wirklich wichtig ist und manches eben nicht wichtig ist. Damit passiert auch eine natürliche Selektion der To Dos. Je öfter man sich dieses Innehalten zugesteht, desto seltener meldet sich das schlechte Gewissen, denn es erkennt die Bedeutung der Ruhe.

„Wenn du keine Zeit hast, dann widme anderen Menschen etwas von deiner Zeit und du wirst plötzlich mehr Zeit haben“, sagt eine buddhistische Weisheit. Und auch das funktioniert. Es lässt uns aus dem Trott aussteigen und schafft Energie für Neues.

Ruhe und Wirkung.
In 64keys wird diese Qualität im Tor 52 beschrieben, das aus dem Antriebszentrum kommt und dafür verantwortlich ist, dass wir mit unserer Antriebskraft in Einklang kommen können. Das alte chinesische I-Ging beschreibt das Tor 52 als die Qualität der Ruhe, des Stillehaltens, des Zurückkehrens zu sich selbst. Die Qualität, die hier gemeint ist, ist die, die man umgeben von hohen Bergen wiederfindet. Die Ruhe, das Innehalten, die dafür sorgen, dass der Druck zu handeln unterbrochen wird, weil die Berge noch zu hoch sind, der Zeitpunkt, sie zu besteigen noch nicht gekommen ist. Im Innehalten kann sich die Energie bündeln („in der Ruhe liegt die Kraft“) um dann fokussiert umgesetzt zu werden. Vergleichbar mit einem Bogenschützen, der ruhig und fokussiert seinen Bogen spannt, bevor er – sehr zielgerichtet – seinen Pfeil absetzt. Wenn der Bogenschütze nicht in der fokussierten Ruhe ist, geht der Pfeil in irgendeine Richtung und hat keine Wirkung. Genauso wie bei uns, wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf zu viele Dinge richten und zu wenig innehalten. Dann wird nichts richtig wirksam umgesetzt.

„Wenn du es eilig hast, geh langsam. Wenn du es noch eiliger hast, mach einen Umweg.“ Sagt eine japanische Weisheit. Kennen wir. Es lohnt sich, sich immer wieder daran zu erinnern!

Auf das Wesentliche besinnen
Und was bedeutet das für dich persönlich? Vielleicht findest du es manchmal schwierig, fokussiert zu sein oder hast zu viele Dinge parallel am Köcheln? Möchtest dich nicht mit zu vielen Themen und Aufgaben gleichzeitig auseinandersetzen oder haderst manchmal damit, dass du nicht multitaskingfähig bist  – während andere das schon zu sein scheinen? Dann mach‘ dir bewusst, dass genau diese Ruhe und Fokussiertheit die Potenziale des Tores 52 sind. Sie sind die Schlüssel gegen deine Rastlosigkeit und helfen dir dabei, dich auf das Wesentliche zu besinnen. Denn Vieles ist ganz und gar nicht wichtig.